Filmkritik: Scarface – Toni, das Narbengesicht (1984)

Scarface

Filmbeschreibung:

Als Fidel Castro 1980 die kubanischen Grenzen öffnet, zögert Antonio „Tony“ Montana nicht lange und macht sich auf in die Vereinigten Staaten. Gemeinsam mit seinem Kumpel Manny wird er monatelang in ein Flüchtlingslager „Freedom Town“ gesperrt. Erst als er für einige mächtige Männer einen Mord an einem mitgekommenen Kommunisten begeht, erhält er die begehrte Greencard. Doch Montana hat sich das Leben in den USA anders vorgestellt. Als Tellerwäscher arbeitet der cholerische Ex-Sträfling in einer schmierigen Imbissbude, bis er schließlich das große Geld und seine Chance wittert. Montana bekommt die Gelegenheit im Drogenmilieu mitzumischen und steigt die Karriereleiter vom Kleinkriminellen bis hin zur respektablen Größe Miamis mit seiner Sturheit und seinem Wesen, das keiner Konfrontation aus dem Weg geht, rasch herauf. Doch Montana muss schon bald feststellen, dass es auch unter Gangstern Konkurrenten gibt. Er, der den Hals nicht voll bekommen konnte, steht bald alleine gegen Miamis kriminelle Drogenszene. Zum Trailer

Filmkritik:

Nach genau einer Stunde und 47 Minuten könnte Scarface enden. Tony Montana ist dann auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen; hat alles, was er sich jemals erträumt hat: Frauen, Macht und Geld. „In diesem Land musst du zuerst Geld machen! Wenn du das Geld dann hast, bekommst du die Macht. Und wenn du die Macht hast, bekommst du die Frauen“, sagt Tony im ersten Drittel von Brian De Palmas Kultfilm einmal zu seinem Partner und Jugendfreund Manny. Alles, was das Narbengesicht Tony nach diesen 107 Minuten Laufzeit besitzt, hat er sich hart erarbeitet – allerdings mit alles anderem als legalen Mitteln. Was Montana zu Beginn von Scarface ist, weiß der Zuschauer nicht genau. Ein politischer Flüchtling, der die Gunst der Stunde nutzt, um vor Fidel Castros aus dem kommunistischen Kuba zu fliehen, ja, das ist Montana. Doch was genau dieser narbengesichtige, leicht cholerische aber durchaus sympathische kleine Fisch genau auf Kuba tat, wird dem Zuschauer für immer verborgen bleiben. Eine Tätowierung auf seiner Hand weist auf einen Gefängnisaufenthalt hin, doch was heißt das schon unter dem Hintergrund der kubanischen Revolution? Tony Montana erfüllt sich in Scarface den amerikanischen Traum, allerdings auf eine Weise, die den durchschnittlichen, weißen Mittelschichtsamerikaner mehr als nur schockieren dürfte. Montana arbeitet sich hoch; fängt ganz klassisch als Tellerwäscher an, doch rutscht schon bald ab in einen kriminellen Sumpf, dem er nicht mehr entkommen kann – und es auch gar nicht will. Bereits Anfang der 1980er Jahre stellten De Palma und Oliver Stone mit Scarface die Frage, ob das Streben nach Glück in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten überhaupt noch zeitgemäß und vor allem moralisch vertretbar ist, wenn es umgeben ist, von Kriminellen, die nur auf ihrer selbst achten. Doch das Sittengemälde zeigt, dass die „Gangster“ nicht nur von Außen kommen, sondern das Land bereits infiltriert haben. Sie sind amerikanische Bänker, Geschäftsleute und Polizisten und somit weitaus schlimmer, als Montana, der sein „Bösesein“ offen zur Schau stellt. „Ihr habt nicht mal den Mut, das zu tun, was ihr wollt. Ihr braucht doch Typen wie mich. Ihr braucht Typen wie mich, damit ihr mit euren voll geschissenen Fingern auf mich zeigt und sagt, das ist der Bösewicht da! Und? Was seid ihr denn dadurch? Gut? Ihr seid nicht gut. Ihr wisst nur, wie ihr euch versteckt und wie ihr leben könnt. Aber ich… ich hab solche Probleme nicht, denn ich sag immer die Wahrheit, sogar wenn ich lüge“, beschimpft der betrunkene und vollkommen zugedröhnte Montana die Gäste eines noblen Restaurants. Hier wird deutlich, welche Verachtung er für die amerikanische „Upper-Class“ hegt – ironischerweise hat er selbst gerade dort gespeist und umgibt sich drei Viertel des Films mit eben genau jenen Leuten. Doch De Palmas Amerikakritik geht noch eine Stufe weiter: Montana wird erst durch seinen ersten Mord zum waschechten – und legalen – Amerikaner. damit greift er den auch heutzutage noch sehr beliebten Topoi vom Land auf, welches durch Waffengewalt groß geworden ist.

Filme-Blog Wertung: 9/10

Doch Scarface geht eben nicht nur eine Stunde und 47 Minuten sondern hat eine Laufzeit von knapp 2,5 Stunden. Neben Montanas Aufstieg erlebt der Rezipient auch seinen Fall. Denn dem Narbengesicht steigt sein Ruhm zu Kopf. Er bekommt nicht genug, wird von seinem eigenen Stoff abhängig und muss lernen, dass es manchmal ganz gut ist, nicht alles zu sagen, was man denkt. Hinzu kommt noch, dass eben genau jenes politische System zu dem er einst floh, der Kapitalismus, seinen Fall letzten Endes besiegelt. Interessanterweise bleibt Montana bis zum bitteren Ende eine ambivalente Figur, ein grauer Antiheld in Reinkultur. Es ist kein Wunder, dass der Charakter des Tony Montana gerade in der Hip-Hop-Szene wahren Kultstatus inne hat: Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, kämpft sich der Drogendealer nach oben, schwimmt im Geld und kriegt jede Bitch. Die Leiterzählung eines Bushido ist somit dieselbe, wie Montanas. Seine Sympathiepunkte verspielt Montana jedoch nicht. Obwohl er Frauen wie Dreck behandelt, cholerisch, streitsüchtig und ungestüm ist, wohnt tief in ihm scheinbar noch so etwas wie in Gewissen, was in einer Schlüsselszene des Films zum Ausdruck kommt. Auch ist sein Gangster-Charme des Sich-Nicht-Verbiegens durchaus ein Gegenentwurf zu klassischen, angepassten Rollenbildern. Montana ist jedoch nur so gut, weil er von einem grandiosen Al Pacino verkörpert wird. Toll, ganz toll, was der Mann Montana für ein Leben einhaucht. Neben seiner storytechnischen Qualitäten ist Scarface auch aus filmhistorischer Sicht noch heute ein Must See. Es war einer der ersten Filme, die den Gangsterfilm aus seinem klassischen Noir-Szenario enthoben. Anders als beispielsweise in Coppolas Der Pate ist Scarface rasant inszeniert, spielt mit popkulturellen Zitaten und die zeitgenössische Musik pulsiert ebenso wie Montana, wenn dieser genüsslich einen Opponenten voll mit Blei pumpt.

Filmfazit:

Düster, bitter, brutal… Brian De Palmas Remake eines Gangsterfilmklassikers ist hoffnungsloser und erbarmungsloser als das Original. Mit wunderbarer mal pumpenden, mal sphärischen Musikuntermalung und einem Al Pacino in einer seiner besten Rollen, erschafft De Palma mit Hilfe seines Drehbuchschreibers Oliver Stone mit Scarface ein Sittenbild der 1980er Jahre, welches auch gute 30 Jahre später aufgrund seiner Kapitalismuskritik nichts an seiner Brisanz verloren hat.

Filmtrailer:

Facebook Kommentare

Facebook Kommentare

Ein Gedanke zu “Filmkritik: Scarface – Toni, das Narbengesicht (1984)

  1. eine weile her, seit ich den film geschaut habe, aber einige positive erinnerung konnte auf jeden fall noch mitnehmen :)
    mir persönlich gefällt scarface lieber als der pate, bei dem ich ehrlich gesagt immer dem einpennen nahe bin, auch wenn der pate natürlich das gangster-vorbild schlechthin ist

    al pacino gefällt mir generell als schauspieler sehr gut, vor allem für die bad boy-rollen, aber nicht die 0815er, sondern die professionelleren – und genau in diesem film hat er es wunderbar unter beweis gestellt

    auf jedenfall ein interessanter film, wenn auch meine erinnerungen nicht ausreichen, um ihn so hoch zu stufen :p, aber allein schon als klassiker-wert ist er für die filmeliebhaber sehenswert

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Current ye@r *