Filmkritik: Der Vorleser (2009)

Der Vorleser

Filmbeschreibung:

1958, Neustadt: Als der 15-jährige Michael Berg sich auf dem Heimweg übergibt, lernt er Hanna Schmitz kennen, die ihm zu Hilfe eilt. Um sich bei der 36-jährigen Schaffnerin zu bedanken, besucht er sie einige Monate später. Der Besuch bei Hanna verläuft jedoch anders, als er es sich vorgestellt hat, denn die beiden schlafen miteinander. Michael besucht Hanna ab diesem Treffen immer häufiger und jedes mal läuft das Treffen auf die gleiche Weise ab: Zuerst muss Michael ihr aus Büchern vorlesen; danach schlafen sie miteinander. Doch Hanna ist Michael gegenüber sehr distanziert, was vor allem dann deutlich wird, als Michael oft etwas mit seinen Mitschülern unternimmt. Eines Tages ist Hanna schließlich verschwunden. Acht Jahre später absolviert Michael Berg sein Jura-Studium in Mannheim. Dort verfolgen er, seine Mitstudenten und sein Professor einen Fall mit, bei dem eine Gruppe von KZ- Aufseherinnen angeklagt worden ist, durch die an einem Abend 300 Juden bei einem Brand gestorben sind. Unter ihnen ist auch Hanna und Michael erfährt die schrecklichen Dinge aus ihrer Vergangenheit und bemerkt, dass sie seit ihrer ersten Begegnung sein Leben dauerhaft geprägt hat. Zum Trailer

Filmkritik:

Auf die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Der Vorleser, der von Bernhard Schlink verfasst worden ist, war ich besonders gespannt. Der Roman hat mir sehr gefallen, da allein die Idee von der Handlung doch etwas Ungewöhnliches war. Deren Umsetzung, für die der britische Regisseur Stephen Daldry verantwortlich war, ist meiner Meinung nach sehr gelungen. Der Anfang der Handlung von Der Vorleser spielt im Jahre 1995 in Berlin, als Michael Berg seiner Tochter etwas über seine Vergangenheit erzählen will. Die eigentliche Handlung besteht aus Rückblicken. Zu Beginn dieser Rückblicke erfährt man einiges über Michaels Familie und Michael selbst, der die 20 Jahre ältere Hanna kennenlernt. Dieser Teil des Filmes spielt im Nachkriegsdeutschland im Jahre 1958 in Neustadt. Die Liebesbeziehung, die sich zwischen Michael und Hanna entwickelt, wird bis ins kleinste Detail dargestellt, was auch im Roman der Fall ist. Das regelmäßige „Ritual“, das aus dem Vorlesen und dem Sex danach besteht, ist aber auch wichtig für den weiteren Verlauf der Handlung, was erklären würde, wieso diese Szenen fast ein Viertel des Filmes einnehmen. In dem Film wird nicht versucht, diese außergewöhnliche Beziehung schlecht zu machen, obwohl sowas in unserer heutigen Gesellschaft ein Tabu ist. Michael verbringt einen Sommer mit Hanna, bevor Hanna dann verschwindet. Die Gründe dafür werden nur für den Zuschauer klar, denn Hanna hat ein Angebot auf eine Beförderung bekommen, was Michael jedoch nicht weiß. Der Zweite Teil von Der Vorleser spielt dann acht Jahre danach, im Jahre 1966. Michael studiert nun Jura und er und die anderen Studenten und sein Professor beginnen, einen interessanten Prozess mitzuverfolgen. Bei der ersten Verhandlung ist Michael jedoch entsetzt, denn auf der Anklagebank sitzt Hanna Schmitz, die er das letzte Mal vor acht Jahren gesehen hat. Der Grund, wieso sie vor Gericht steht ist, dass sie während des SS-Regimes in Auschwitz als Aufseherin tätig war und dabei 300 Gefangene, die während eines Todesmarsches in einer Kirche geschlafen haben, in dieser eingesperrt hatte, obwohl es in dieser zu einem verheerenden Brand kam. Da sie und die anderen Aufseherinnen die Tür nicht aufgeschlossen haben, verbrannten alle, bis auf eine Mutter und ihre Tochter, die ein Enthüllungsbuch über dieses Erlebnis geschrieben hat. Michael fällt es erstmal schwer mit dieser Situation umzugehen, doch er verfolgt die Verhandlungen aber alle mit. Es wird deutlich, dass er Hanna, in all den Jahren, in denen er sie nicht gesehen hatte, nie vergessen hat. Die anderen Aufseherinnen versuchen Hanna für die Tat verantwortlich zu machen und als von Hanna vor Gericht eine Handschriftprobe gefordert wird, die ihre Unschuld beweisen könnte, gesteht sie plötzlich allein für diese Tat verantwortlich gewesen zu sein. Michael wird klar, was dahinter steckt: Hanna ist Analphabetikerin, schämt sich jedoch so sehr dafür, dass sie die Strafe in Kauf nimmt. Ihm wird außerdem klar, wieso er ihr früher immer vorlesen musste und wieso auch die Gefangenen in Auschwitz dies tun mussten. Hanna muss nun ihre lebenslange Haftstrafe absitzen. Der dritte Teil des Filmes spielt im Jahre 1976 in dem Michael mit Hanna Kontakt aufnimmt. Während des ganzen Filmes stehen viele Themen zur Diskussion, allen voran die Frage nach Hannas Schuld. Diese ist sehr schwer zu beantworten, da der ganze Film fast nur ausschließlich aus Michaels Sicht gezeigt wird. Dadurch bekommt man einen eher ein eher subjektives Bild von der Situation. Während der zwei Stunden Spieldauer gelingt es dem Film Der Vorleser den Zuschauer zu fesseln. Obwohl er auf eine ziemlich ruhige Art die Geschichte zeigt, ist er sehr spannend. Dies trifft besonders auf die zweite Hälfte von Der Vorleser zu. Die erste Hälfte zieht sich eher und steht im Kontrast zur zweiten. Auch nach dem Ansehen von Der Vorleser wird der Zuschauer zum Nachdenken bewegt. Dafür ist in meinen Augen in erster Linie die Figur von Hanna Schmitz verantwortlich. Mein erster Gedanke, als ich den Grund für die Anklage gehört habe war, dass diese einfach unmenschlich ist. Hanna Schmitz war das Einhalten von Gesetzen wichtiger, als das Leben 300 Gefangener, wie sie vor Gericht aussagte. Zu diesem ersten Eindruck zählt aber auch die Tatsache, dass Hanna während ihrer Beziehung mit Michael sehr dominant und distanziert war und auch bei dem letzten Treffen mit Michael zeigt, dass sie nichts aus ihren Taten bei der SS gelernt hat und diese nicht bereut. Andererseits kann man als Zuschauer die Figur von Hanna in der Vorleser nicht hassen, da diese durch ihren Analphabetismus umso menschlicher wirkt. Ebenso ihr Wunsch, der Überlebenden des Brandes ihr ganzes erspartes Geld zu geben, trägt dazu bei. Die Figur Hanna wirkt aus diesen Gründen bis zum Ende von der Vorleser sehr rätselhaft auf mich. Dieser facettenreicher Charakter wurde in der Vorleser von Kate Winslet gespielt. Diese hat meiner Meinung nach die vielen verschiedenen Seiten von Hanna Schmitz gut verkörpert und hat den Oscar in der Katergorie Beste Hauptdarstellerin wirklich verdient. Aber auch David Kross, der den jungen Michael Berg und Ralph Fiennes, der den alten Michael Berg verkörpert, haben beide ihre Rollen sehr überzeugend gespielt.

Filme-Blog Wertung: 8/10

Der Vorleser verdient sich acht Sterne. Pluspunkte verdient sich der Film dadurch, dass die Handlung sehr spannend ist und auch zum Nachdenken anregt. Der Vorleser ist ein anspruchsvoller Film, was ebenfalls zu der guten Bewertung führt. Das Besondere ist meiner Meinung nach, dass man das Verbrechen der Nazis aus einer anderen Sicht betrachtet. Sehr gefallen hat mir auch, dass all das, ohne irgendwelche Wertungen, ob das Handeln von Hanna gut oder schlecht gewesen ist, gezeigt worden ist. Trotz der Länge wird Der Vorleser vor allem in der zweiten Hälfte nicht langweilig. Durch die guten Darsteller erntet Der Vorleser weitere Pluspunkte. Aber es gibt auch einige Aspekte, die zu bemängeln wären. Was mich ganz besonders geärgert hat, war, dass die Briefe an Hanna und die Bücher, die diese im Gefängnis gelesen hat, alle auf Englisch verfasst waren. Meiner Meinung nach war das ziemlich unpassend, da der Film in Deutschland spielt. Ein weiterer und letzer Kritikpunkt, wäre der Anfang des Filmes, denn in diesem wurde in meinen Augen zu sehr auf die Liebesbeziehung von Hanna und Michael eingegangen und der Film zu Beginn etwas langatmig erscheint.

Filmfazit:

Der Vorleser ist eine sehr gelungene Verfilmung. Der Film ist an sich absolut anspruchsvoll und regt zum Schluss zum Nachdenken an. Durch die gute Besetzung und die interessante Handlung hat der Film mich überzeugt. Dennoch wirkt Der Vorleser zu Beginn etwas langatmig und auch die lange Spieldauer könnte ein Argument sein, sich den Film nicht anzusehen, obwohl diese größtenteils gut genutzt worden ist.

Filmtrailer:

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: Der Vorleser (2009)

  1. Die Länge des Filmes kann kein Argument für`s Nichtgucken sein. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Alles total ergreifend erzählt. Also auf jeden Fall ansehen!

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